Die Idee

(Bunlap 2004)

Ai salsal - jemand, der kommt, wieder geht - und im Zweifelsfall nie wiederkommt. So nennen die Sa aus Bunlap uns weiße Europäer. Wir, die Ethnologen Thorolf Lipp und Martina Kleinert, wollten diese Schema aufbrechen. Seit 1997 sind wir immer wiedergekommen und laden jetzt, nach fünf Jahren Vorbereitungszeit, fünf unserer besten Freunde aus Bunlap zu einer Reise nach Deutschland ein. Für mehrere Wochen sind sie bei uns zu Gast, um sich selbst ein Bild von unserer Welt machen zu können. Sie kommen, um mit uns gemeinsam an drei "Begegnungsorten" - München, Obergünzburg im Allgäu und Bayreuth - Ausstellungsprojekte zu gestalten und Aspekte ihrer Kultur zu vermitteln. Gleichzeitig haben sie Gelegenheit, unser Land und unsere Lebensweise zu erfahren und zu erkunden.

 

Der TItel

Der Begriff Ursprung ist hier in dreierlei Hinsicht bedeutsam. Einmal haben die Kastom Sa mit dem Turmspringen eine Art UrSprung erfunden, eine spielerisch nachempfundene künstliche Geburt. Andererseits haben sie sich, auf eindrückliche Art udn Weise und ganz bewußt eine erstaunliche Ursprünglichkeit ihrer Lebensumstände bewahrt. Kultur ist zweifellos immer im Fluß. Dennoch wollen wir imt diesem Projekt auch deutlich machen, daß eine von Brüchen und Diskontinuitäten faszinierte postmoderne Ethnologie dann zu kurz greift, wenn sie sich polemisch, gar abfällig, zu solchen Konzepten von Identität verhält, die Kontinuität und Rückkopplung an Tradition ausdrücklich betonen.

 

Die Geschichte dahinter


(Chief Warisul, Watas, Kaka, Bebe, Telkon, Thorolf, Moses, Bunlap 1997)

Im Jahre 1997 kam ich, Thorolf Lipp, das erste Mal nach Bunlap. Als filmender Ethnologe war ich im Auftrag der University of the South Pacific auf Forschungsreise. Ich wollte sehen und filmen, wie die Männer von Bunlap Kava pflanzen und zubereiten, welche Rolle der "Trank der Götter", wie ich meinen Film später nannte, in Vanuatu spielt. Bereits bei diesem ersten Aufenthalt lernte ich einige der Männer kennen, die später meine besten Partner und Freunde werden sollten: Bebe Malegel, Moses Watas, Chief Warisul Telkon und Telkon Betu. Sie alle sind auf dem Photo oben zu sehen. Diese erste Begegnung mit den Kastom Sa beeindruckte mich nachhaltig. In den Monaten nach meiner ersten Reise zu ihnen erwachte in mir der Wunsch, mehr über sie zu erfahren, mit ihnen zu leben und bei ihnen zu forschen. Als mein Vertrag mit der USP im Mai 1998 erfüllt war und ich nach Deutschland zurückkehren mußte, stand für mich fest, alles daran setzen zu wollen, nochmals mit den Sa aus Bunlap zu leben und ein nächstes Mal länger bei ihnen zu forschen. Es war mir daher eine wirkliche Freude, daß die DFG einen entsprechenden Forschungsantrag im Sommer 2001 positiv entschied und der Weg dadurch frei wurde für weitere Feldforschungen in Vanuatu, die insgesamt knapp ein Jahr dauern sollten. Den ersten wenigen Wochen im Jahr 1997 folgte ein jeweils etwa fünfmonatiger Feldaufenthalt in den Jahren 2002 und 2004. Ich kam jetzt vor allem als Ethnologe, aber doch auch als Filmemacher, und nicht mehr allein. Gemeinsam mit meiner Partnerin Martina Kleinert entstand während meines zweiten Aufenhaltes der 1. Teil der Fernsehreihe "Mythen der Südsee". Damals begannen, einige Männer, die langsam zu unseren Freunden wurden, uns immer wieder zu fragen, ob wir ihnen nicht einmal unsere Welt zeigen könnten.

(Martina Kleinert und Watas, Bunlap 2002)

Für Thorolf war der Aufenthalt 2002 eine Rückkehr zu Bekannten und Bekanntem - mir, Martina Kleinert, hatte er zwar viel davon erzählt und Vorfreude, auch Aufregung, wieder dort hinzugehen, auf mich übertragen. Doch zunächst war es eine sehr fremde Welt. Während der Wochen, die wir mit Dreharbeiten und Forschung dort verbrachten, änderte sich dies. Den Regeln der Sa gemäß verbrachte ich unsere Abende, wenn Thorolf im Männerhaus Kava trank, mit ihren Ehefrauen und Kindern. Soweit das in kurzer Zeit und ohne sprachlichen Austausch - kaum eine Frau in Bunlap spricht Bislama - möglich war, formten sich doch enge, nachhaltige Beziehungen zu einigen der Frauen und Mädchen. Und in Bunlap schien klar zu sein, daß auch ich wiederkommen würde, wenn Thorolf wegen seiner Forschung zurückkäme. Unsere gemeinsamen Erfahrungen in Bunlap verlangten gewissermaßen nach der gemeinsamen Fortsetzung. So fuhr auch ich 2004 erneut nach Vanuatu, um Thorolf abzuholen und auch noch einmal einige Wochen in Bunlap zu verbringen (und meine 2002 begonne Forschung über Fadenspiele in Bunlap systematisch fortzuführen). Durch unsere Berichte und Filme angeregt, schloß sich diesmal noch meine Freundin Katrin Martin an, und teilte als Fotografin unser Forscherleben.

 

Das Projekt

(Mali, Chief Molsmok, Thorolf Lipp - Bunlap 2004)

Ich wollte niemand sein, der ethnologische Forschung betreibt, ein hochwissenschaftliches Buch schreibt, das letztlich doch nur mir selbst nützt und von dem meine Partner und Freunde in Vanuatu nicht viel haben. Dennoch erschien mir eine Reise meiner wichtigsten Partner nach Deutschland zunächst aus vielerlei Gründen utopisch. Trotzdem begann ich, mir ernsthaft Gedanken zu machen, wie so eine Reise, eine Begegnung zwischen den Kulturen, aussehen könne. Den Gedanken, eine Ausstellung zu organisieren, fasste ich relativ bald. Bereits während des ersten Aufenthaltes mit Martina entstand gemeinsam die Idee zu einer Präsentation der eindrucksvollen Juban Masken, die die Männer von Südpentecost herstellen. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass es niemals gelingen würde, nur mit einer Ausstellung von zwei Dutzend Masken genügend Mittel aufzutreiben, um meine drei oder vier besten Freunde einzuladen und die Kosten zu decken. Ich selbst verfügte als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit halber Stelle bzw. freier Dokumentarfilmemacher über keine Mittel, die es mir erlaubt hätten, ein solches Projekt privat zu finanzieren. (Das sei all den Kritikern gesagt, die etwas naiv meinen, man müsse ja eine derartige Begegnung nicht an die große Glocke hängen bzw. den Verdacht äußern, man mache das Projekt öffentlich, um seine eigene Karriere zu befördern. Karriere geht anders!)
Zwischen 2002 und heute nahm die Idee die hier präsentierte Form an: In drei Spielstätten, München, Obergünzburg und Bayreuth versuchen wir, einer breiteren Öffentlichkeit die ganz besonderen kulturellen Leistungen der Sa näherzubringen und sie gleichzeitig einen Blick auf unser Leben werfen zu lassen. Erst dieses Gesamtprojekt ermöglicht ihre Reise.
Für uns alle wird es eine Fahrt 'ins Offene', denn niemand kann voraussagen, was während der etwa 2 Monate Aufenthalt geschehen wird. Wie hat schon Goethe gesagt: "Eine Reise gleicht einem Spiel. Es ist immer etwas Gewinn und etwas Verlust dabei. Meist von der unerwarteten Seite."

 

Blickwechsel

Ai salsal. Wir kommen nicht nur und gehen. Wir nehmen auch Bilder mit, bringen sie nach Hause. Wir filmen und fotografieren. Und wir bringen unsere Filme beim nächsten Besuch zurück nach Bunlap, wo sie auf Nachfrage wieder und wieder vorgeführt werden. Vieles in Bunlap erscheint uns unbekannt, fremd, interessant - und wir nehmen es auf.

 

"Unser Blick"

auf die Menschen von Bunlap zeigt - in den nächsten Wochen immer wieder wechselnd - eine Auswahl von Bildern, die während der letzten knapp 15 Jahre entstanden, aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Fotografen sind Martina Kleinert, Katrin Martin und Thorolf Lipp. Die Ethnologie ist ja derzeit eher mit Brüchen und Diskontinuitäten beschäftigt. Unser Blick mag dem kritischen Beobachter daher mitunter exotisierend und ästhetisierend erscheinen. Dahinter verbirgt sich vielleicht so etwas wie eine "Sehnsucht nach dem Ursprung", nach einer heileren, anderen Welt. Am Anfang meiner Forschungen in Bunlap fühlte ich mich auch durchaus immer wieder an Stanley Diamond und dessen Projekt einer „kritischen Anthropologie“ erinnert, die ihre Aufgabe in der Bewußtmachung und Vergegenwärtigung der primitiven Gesellschaft als eines kulturellen Paradigmas versteht, das dem Staat und der damit verbundenen Form der Zivilisation vorausgeht. Ich fühlte, hoffte, zu Beginn meines Aufenthaltes bei den Sa, daß ich hier auf ein Potential an menschlichen Möglichkeiten gestoßen war, von dem ich meinte, daß es uns westlich-kapitalistischen Fortschrittsmenschen längst abhanden gekommen ist. Heute würde ich sagen, daß der größte, persönliche Erfolg dieser Forschung nicht zuletzt im Zurechtrücken dieser ersten, noch unreflektierten Eindrücke liegt, im positiven wie im negativen Sinne.


(Bunlap im Januar 2009)

Viele (Film) Bilder würde ich heute anders machen. Aber sie jetzt nicht mehr zu zeigen und dadurch meinen Blick von damals in Selbstzensur als unreif zu verwerfen, käme mir auch unehrlich vor. Vielleicht zeigen die Bilder sogar besser, als es Worte vermögen, wie sich über die Jahre zumindest meine Perspektive verändert hat. Bunlap ist kein Paradies!

Bunlap hat viele Gesichter - vieles erscheint auf den ersten Blick idyllisch, läßt sich durchaus pittoresk in Szene setzen. Oftmals ist der Grat zwischen Klischee und "es ist doch aber so" sehr schmal. Daß viele meiner Fotos lachende, fröhliche Gesichter zeigen - bestärke ich damit ungewollt das gängige Bild des "glücklichen Naturvolks" - oder bezeugt es einen offenen, vertrauten Umgang zwischen Fotograf und Fotografierten? Fotos verändern ihre Aussage über die Jahre, werden mit anderen Augen betrachtet. In manchen der Gesichter Bunlaps lassen sich zunächst unerkannte, spannende Züge wiederfinden. Der Betrachter mag selbst darüber urteilen.

 

"Ihr Blick"

In diesem Sommer wird es für unsere Gäste in Deutschland viel zu sehen geben - und wir möchten "Ihren Blick" auf uns festhalten. Wir werden es ihnen ermöglichen, Bilder zu machen, die sie nach Hause mitnehmen können. Und uns von ihnen erklären lassen, was sie erstaunt, belustigt, erschreckt, fasziniert.

Hier finden Sie die Bilder und Erläuterungen von Betu Watas und Tolak Moltavil.

 


"Filmprojekt"

Dass wir als Filmemacher den Aufenthalt unserer Freunde auch in bewegten Bildern festhalten - und auch ihnen selbst eine Filmkamera an die Hand geben werden - wird nicht verwundern. Unter "Filmprojekt" wird es die Audiovisionen und filmischen Miniaturen zu entdecken geben. Teilweise von uns, teilweise von Ihnen, teilweise gemeinsam erarbeitet. "Reverse Anthropology", "Multivocal Anthropology" - wie immer man es nennen mag. Geschichten jedenfalls, aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt.